Stinkende Pflanzen

Pflanzen produzieren einige der für uns Menschen eindrücklichsten Gerüche. Diese Gerüche entstanden im Laufe der Evolution jedoch nicht um Menschen zu erfreuen, sondern um Bestäuber anzulocken oder Fraßfeinde abzustoßen. Diese Tatsache wird uns meist nur dann bewusst, wenn wir Pflanzen begegnen, die für unsere Nase stinken.
Einige der schlimmsten „Stinkepflanzen“, denen man bei einem Besuch im Botanischen Garten begegnen kann, stellen wir hier vor, jeweils mit einer kurzen Erklärung des vermuteten biologische Sinns oder Adaptationswertes, des Duftes, äh, Gestanks.


Amphitecna macrophylla, Bignoniaceae

Die Blüten der stammblütigen Amphitecna macrophylla sind gut für die Bestäuber erreichbar, denn sie sind nicht im Laub verborgen. Der Blütenduft ist nicht sehr angenehm, er erinnert an Kohlgerichte. Fast jeder hat die Erfahrung gemacht, dass gekochtes Kraut schon im Treppenhaus gut wahrnehmbar war, so wusste man im Voraus, was auf den Tisch kommen sollte. Blumenbesuchende Fledermäuse lieben Kohl- oder Knoblauchgeruch, sie suchen gezielt nach Pflanzen deren Blüten diesen verströmen, um dort Nektar zu trinken. Andere Tiere mögen diesen Duft nicht oder können ihn gar nicht wahrnehmen. Schwefelhaltige Substanzen (Disulfide) sind für die besondere Note verantwortlich, diese Substanzen wurden bisher nur bei fledermausblütigen Pflanzen im Blütenduft nachgewiesen. So entwickelte sich eine enge Verbindung zwischen Bestäuber und Pflanze, die für Beide von Vorteil ist.


Solanum melissarum, Solanaceae
Parfümblumen werden von Duft sammelnden, männlichen Prachtbienen bestäubt. Diese Tiere sammeln den Blütenduft in zu Behältern erweiterten Hinterbeinen. Eine Parfümblumen, die für die menschliche Nase bestialisch stink ist die im Botanischen Garten kultivierte Solanum melissarum. Die Prachtbienenarten, die diese für uns unangenehm riechenden Substanzen sammeln, haben mit dem Gestank kein Problem und haben damit sogar bei ihren Weibchen Erfolg.

Aristolochia lindneri, Aristolochiaceae
Auf der Plaza von San José de Chiquitos im südöstlichen Bolivien wächst die äußerst seltene Aristolochia lindneri. Ihre Blüten stinken intensiv nach Pferde-Urin. Mit diesem Geruch werden die bestäubenden Fliegen in die Kesselfallenblüte gelockt, eine Zeit lang festgehalten, um schließlich mit Pollen beladen wieder entlassen zu werden. Die Fliegen fallen bei nächster Gelegenheit wieder auf die intensiv duftenden Blüten herein und laden dann ihren Pollen ab, was zur Befruchtung führt.

Amorphophallus paeoniifolius, Araceae
Der malaiische Amorphophallus paeoniifolius besitzt bizarr anmutende, ca. 40 cm große, intensiv nach faulem Fleisch stinkende Blütenstände. Dungkäfer (Scarabaeidae) werden magisch von diesem Gestank angezogen, sie bestäuben die Blüten.

Blütenstände von Amorphophallus titanum sind die größten im Pflanzenreich. Sie erreichen fast 3 m Höhe und stinken fürchterlich. Blüht ein solcher Amorphophallus titanum in einem Botanischen Garten so lockt er trotz seines bestialischen Gestanks meist unzählige Besucher an.

Cleome viridiflora, Capparaceae
Bei Cleome viridiflora duften nicht die Blüten selbst sondern das Blattwerk. Der unangenehme Duft erinnert an verbrannten Gummi. Dieser wird zur Haltbarkeit mit Schwefel versetzt. Schwefelhaltige Verbindungen als Duftkomponenten wiederum sind attraktiv für Blumenfledermäuse. Die Fernanlockung der Tiere erfolgt über den Blattduft, in der Nähe orientieren sich die Tiere in der dunklen Nacht an Ultraschallreflexionen, hervorgerufen durch die parabolspiegelartig zusammengeneigten Blütenblätter. Auch hier erfolgt die Beköstigung über reichlich angebotenen Nektar.


Ceiba pentandra, Bombacaceae
Der Kapokbaum, Ceiba pentandra zieht mit seinen nach Sperma duftenden Blüten Blumenfledermäuse an. Sie werden an den Blüten reichlich mit Nektar verköstigt. Er blüht im blattlosen Zustand, so dass die Fledermäuse freien Zugang zu den Blüten haben.

Am Botanischen Garten München laufen seit mehr als 20 Jahren wissenschaftliche Untersuchungen zum Blütenduft, auch in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die in der Grundlagenforschung der Parfümindustrie tätig sind, so wie R. Kaiser, Parfümeur der Fa. Givaudan in der Schweiz. Er ließ sich gerne von Blütendüften für seine Kreationen inspirieren, gerade auch durch ausgefallene, nicht unbedingt nur angenehme duftende Pflanzen aus dem Münchner Botanischen Garten.

Fotos: Günter Gerlach, Botanischer Garten München-Nymphenburg
Text: Günter Gerlach und Susanne S. Renner, Botanischer Garten München-Nymphenburg

Tipp

aviso 2/2012 (Vom Riechen)
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