Juni 2017: Unsere Pflanzen

Titanenwurz

Amorphophallus titanum (Becc.) Becc. ex Arcang.
Familie: Araceae (Aronstabgewächse)

Eine der beeindruckendsten und ungewöhnlichsten Pflanzen weltweit ist die ursprünglich aus Sumatra stammende Titanenwurz. Sie gehört zur Gattung Amorphophallus, die mit 170 bis 200 Arten in den Tropen der Alten Welt vorkommt. Die spektakulärste Art ist Amorphophallus titanum, die den größten unverzweigten Blütenstand im Pflanzenreich ausbildet. Er stellt bestäubungsbiologisch eine funktionelle Einheit, eine Blume, dar.

Der Blütenstand besteht aus einem riesigen Hüllblatt (Spatha), das sich beim Aufblühen trichterfömig öffnet und einen zentralen Kolben (Spadix) umgibt, der über 1 m bis 3,10 m Höhe erreichen kann. Er dient der Verbreitung der an Aas erinnernden Geruchsstoffe, die sich im Inneren des Kolbens bilden. An seiner Basis entwickeln sich in zwei ringförmig übereinander liegenden Bereichen zahlreiche kleine männliche und weibliche Blüte, die von außen nicht sichtbar sind. Sie blühen jeweils nur eine Nacht. Die unten gelegenen weiblichen Blüten sind nur in der ersten Nacht befruchtungsfähig, die darüber liegenden männlichen Blüten reifen in der zweiten Nacht und geben dann erst ihren Pollen ab. Selbstbestäubung wird damit verhindert.

Während der Blühphasen, besonders in der ersten Nacht strömt die Pflanze einen aasartigen Geruch aus, der nachtaktive Aaskäfer und andere aasliebende Insekten anlockt, die als Bestäuber dienen. Angelockt durch den Aasgeruch und der braunvioletten Farbe des Trichters, die stark verwesendes Fleisch imitieren, krabbeln die Insekten an die Basis des Trichters zu den Blüten. Sie legen dort auf der vermeintlichen tierischen Nahrungsgrundlage ihre Eier ab. Die schlüpfenden Larven müssen jedoch verhungern, da sie keine Nahrung vorfinden. Die Pflanze hat die Insekten nur zu Bestäubungszwecken angelockt und sie betrogen. Man bezeichnet die blühende Titanenwurz daher als Täuschblume.

Die Titanenwurz besitzt eine unterirdische Speicherknolle, aus der entweder ein baumartiges Blatt oder im Abstand von zwei oder mehr Jahren ein Blütenstand getrieben wird. Zur Blüte gelangen nur ältere Knollen mit einem Gewicht ab etwa 20 kg.

Die jetzt im Botanischen Garten München-Nymphenburg zur Blüte gekommene Pflanze stammt aus dem Palmengarten Frankfurt. Im Rahmen des Pflanzenaustausches zwischen Botanischen Gärten erhielt der Reviergärtner der Gewächshausanzucht, Harald Loose, Anfang März 2017 die Knolle dieser etwas über 17-jährigen Titanenwurz.


Die Knolle zeigte im April 2017 einen etwa 10 cm langen Austrieb und hatte einen Durchmesser von 40 cm. Sie wog 32 Kilogramm.
In der zweiten Maiwoche war es sicher, dass der Austrieb kein Blatt, sondern ein Blütenstand werden würde.


Am 22. Mai 2017 spitzte der Blütenstand mit seinem Kolben bereits aus den äußeren dunkel- und hellgrün marmorierten Hüllblättern hervor


Am 23. Mai 2017 wurde die Pflanze ins feuchtwarme Victoriahaus gebracht.


Am 28. Mai 2017 war der Kolben deutlich gewachsen, insgesamt war die Pflanze 1,16 m hoch, gemessen von der Erdoberfläche im Topf bis zur Kolbenspitze.


Die Titanenwurz am 29. Mai 2017 zur Mittagszeit


Am 29. Mai 2017 war die Pflanze abends um 20:30 Uhr 1,23 m hoch und hatte einen Durchmesser von 20 cm.


Am 30. Mai 2017 war die Pflanze abends um 20:30 Uhr 1,32 m hoch und hatte einen Durchmesser von 26 cm.


Am 31. Mai 2017 war die Pflanze um 11 Uhr vormittags 1,36 m hoch.


Foto 09: Die Titanenwurz am 1. Juni 2017 nachmittags.


Am 1. Juni 2017 war die Pflanze um 17:30 Uhr 1,39<m hoch und hatte einen Durchmesser von 27 cm.


Entsetzen am Morgen des 2. Juni 2017: Die Titanenwurz wurde ohne Spitze vorgefunden; das etwa 20 cm lange (abgeschnittene) Stück lag daneben.


Die verletzte Spitze des Kolbens in Nahaufnahme.


Zum Schutz erhielt die beschädigte Spitze eine durchsichtige Haube. Die Aufnahme zeigt die Titanenwurz am 3. Juni 2017.


Am 4. Juni 2017 gegen 6 Uhr früh hatte die Titanenwurz einen Durchmesser von 33 cm. Die äußeren drei Hüllblätter waren völlig verwelkt, der kräftige grüne Stiel des Blütenstands (der Blume) war gut sichtbar. Die Spatha, das riesige, noch gefältelt um den Kolben liegende Hüllblatt, zeigt an den Rändern eine rotbraunviolette Färbung, alles Anzeichen für ein baldiges Aufblühen.


Am 4. Juni 2017 abends um 21:45 Uhr


Am 5. Juni 2017 (Pfingstmontag) in der Früh kurz nach 6 Uhr. Die Spatha ist noch geschlossen.


Etwa ab 13:40 Uhr am Nachmittag des 5. Juni 2017 beginnt das große Hüllblatt, die Spatha, sich etwas vom Kolben abzuheben.


Nicht einmal anderthalb Stunden später, um 15 Uhr am 5. Juni 2017 hat sich die Spatha deutlich geweitet und ist erkennbar vom Kolben abgehoben.


Eine weitere Stunde um 16:10 Uhr später am 5. Juni 2017 hat sich die Spatha noch weiter geöffnet, gleichzeitig intensiviert sich der Geruch.


Wenige Minuten später um 16:13 Uhr am 5. Juni 2017. Es fehlt nur wenig bis zur völligen Öffnung der Spatha. Man sieht nun gut die dunkle violettbraune Färbung der Innenseite der Spatha.


Am späteren Abend des Pfingstmontags, dem 5. Juni 2017, ist die Titanenwurz völlig geöffnet. Sie strömt einen deutlich wahrnehmbaren leicht süßlich aasartigen Geruch aus, der das Victoriahaus füllt und den manche als unerträglich empfinden.


Am Vormittag des 6. Juni 2017 hat sich die Öffnung der Spatha wieder verengt. Der beschädigte obere Teil des Kolbens ist abgeknickt.


Die Titanenwurz am 8. Juni 2017

Quellen

Fotos: Harald Loose, Franz Höck, Ehrentraud Bayer; Bot. Garten München-Nymphenburg
Text: PD Dr. Ehrentraud Bayer, Botanischer Garten München-Nymphenburg

Internet: www.botmuc.de/titanenwurz