Das Botanische Institut an der Menzinger Straße 67

Ein Schloss für die Wissenschaft und die Blumen


Nordseite des Botanischen Instituts mit den Dachvasen der Attika, Foto ca. 1915

Das Ensemble von Botanischem Garten und Botanischem Institut an der Menzinger Straße entstand 1911–1914 als eines der letzten großen Bauvorhaben der bayerischen Monarchie. Kaum verändert erhalten, gehört es zu den Staatsbauten Münchens, aus denen das Selbstbewusstsein des Königreichs Bayern in seiner Schlussphase unter dem Prinzregenten Luitpold und dem letzten König Ludwig III. am deutlichsten spricht.

In Formensprache und Zweckbestimmung bezeugt es jene eigentümliche Mischung von Traditionalismus der Lebensart und Modernität in Künsten und Wissenschaften, welche damals vom Königshause und der Regierung gezielt gefördert wurden. Der Baukomplex wurde nicht nach rein funktionalen Erwägungen errichtet, sondern sollte ein Aushängeschild für die bayerische Wissenschaft sein, selbstverständlich aber auch den Rang Münchens als Kunststadt bezeugen.
Welchen Stellenwert die Monarchie dem Neubau zumaß, zeigte sich, als König Ludwig III. (1845 – 1921) dem österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand (1863 – 1914) die neue Gartenanlage schon einen Monat vor der offiziellen Eröffnung (am 10. Mai 1914) vorführte.
Über dem Eingang stand damals noch „Königlich Botanisches Institut“. Als Staatsanstalt wurde der Komplex von der Obersten Baubehörde im Innenministerium geplant. Unter der Leitung des Ministerialrats Ludwig Ritter von Stempel (1850 – 1917) schuf der Architekt Ludwig Ullmann (1872 – 1943) die Entwürfe und leitete die Bauarbeiten.


Aufnahme von 1919
Die Gartenanlagen wurden vom Garteninspektor Peter Holfelder (1878 – 1936) geplant; die Gewächshäuser wurden von spezialisierten Firmen geliefert und bereits 1912 für das Publikum geöffnet (Kupper, 1926). Ullmanns Name findet sich durchweg auf den Plänen und Akten der Bauleitung wie der Obersten Baubehörde, die großenteils im Staatsarchiv München, im Bayerischen Hauptstaatsarchiv sowie im Archiv des Staatlichen Bauamtes München erhalten sind. Möglicherweise hat der noch mit einem anderen Bauvorhaben belastete Architekt aber auch weitere Mitarbeiter für die Erstellung der Pläne und die Berechnungen herangezogen.

Mit dem Institutsbau erhielten die Botaniker der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ein modernes Haus für ihre Forschungen. Nach dem Abdanken des Königs am 13. November 1918 wurde die Bezeichnung über dem Eingang in „Botanisches Institut“ und noch später in „Botanische Staatsanstalten“ geändert. Im Zuge der Berufungsverhandlungen für den Pflanzenphysiologen Professor Otto Kandler (1920 – 2017) wurde der Ostflügel 1971 bis 1973 erweitert, um dessen Lehrstuhl aufzunehmen. Obwohl der sog. „Kandler-Bau“ sich formal dem Altbestand anpasst, stört die große Feuertreppe auf der Gartenseite leider den Eindruck. Das Pflanzenphysiologische Institut übersiedelte 2008 auf den neuen Biologie-Campus der LMU in Martinsried; der einst von ihm belegte Flügel wird seit Längerem saniert.
Seit 2009 wird der Komplex nicht mehr von der LMU, sondern durch die Bayerischen Naturwissenschaftlichen Sammlungen verwaltet. Zu ihnen gehört die Botanische Staatssammlung, die mit etwa 3,2 Millionen Präparaten eines der weltgrößten Herbarien besitzt. Der Lehrstuhl für Systematische Botanik und Mykologie der LMU, dessen Inhaber seit 1966 auch stets Direktor des Botanischen Gartens und der Botanischen Staatssammlung ist, nutzt mit seinen Mitarbeitern und Studenten das Gebäude noch heute. Dieses gehört damit wahrscheinlich zu den ältesten kontinuierlich von der LMU genutzten Bauwerken in München (Huber, 2004).

Das Gebäude hat einen schlossartigen Mittelbau mit Kuppel, Risaliten und seitliche Anbauten. Darin spiegelt sich die Neuorientierung der öffentlichen Architektur um die Wende zum 20. Jahrhundert: Hatte von Stempel sich am Jahrhundertende noch mit Bauten im Stil der deutschen Renaissance einen Namen gemacht, so orientierte sich der jüngere Ullmann hier bereits am Ideal des Frühklassizismus, das im neuen Jahrhundert die Welle des Jugendstils und des Neubarock ablöste und zu reduzierten, klar gegliederten Bauformen zurückkehrte.
Die Herkunft vom Schlossbau lässt sich vor allem an der Raumfolge der Mittelachse mit Vestibül, hohem Haupttreppenhaus und Hauptsaal ablesen, der hier allerdings als prächtiger Hörsaal in den Dienst der Wissenschaft gestellt ist (und heute Veranstaltungen des Botanischen Gartens dient).


„Litteris et Floribus“ – der Wissenschaft und den Blumen
In der Kunststadt München durfte natürlich die künstlerische Ausgestaltung von Fluren, Decken und Treppenaufgängen nicht fehlen, die auf verschiedene Spezialisten verteilt wurde. Zu nennen ist besonders das prächtige Mosaik im zentralen Treppenaufgang nach einem Entwurf von Julius Dietz (1870 – 1957), Professor an der Münchner Kunstgewerbeschule und Kunstakademie sowie Illustrator für die Zeitschrift „Jugend“ (Ortrun, 2004). Es stellt die Göttin Flora zwischen der Freiland- und der Gewächshauskultur dar, bekrönt von lateinischen Inschrift „Litteris et Floribus“, also „der Wissenschaft und den Blumen“.


1916, Nordseite mit Vasen und Sphingen
Die beiden großen Sphingen aus Muschelkalk vor dem Hauptportal schuf der Bildhauer Prof. Julius Seidler (1867 – 1936; Langenberger, 1915, 1916; Brief Ullmanns vom 13 Sep. 1913 im Staatsarchiv). Ein anderer Bildhauer, Walter Sebastian Resch (1889 – 1962), schuf die „Flora“-Figuren über den Türen des westlichen und östlichen Rundturmes, das Giebelportal am Pumpenhaus und die Masken an den Brunnen am Schmuckhof und denjenigen vor den Rundtürmen des Instituts. Im Archiv findet sich ein Kostenvoranschlag von Resch vom 8. März 1913 über die „zweimalige Ausführung einer Florafigur, als Bekrönung des Portals am runden Turm in Muschelkalk – Ausführung 2 Stück incl. Steinmaterial und Steinmetzarbeit an der Rückwand“ (Archivbeständen des Hauptstaatsarchiv München).


1915, Südseite des Botanischen Instituts
Bis in die Mitte der 1950er Jahre standen straßen- und gartenseitig auf den Mittelrisaliten je vier 1,80 m hohe Ziervasen, die auf vielen Fotos zu sehen und die in der Literatur zum Gebäude besonders hervorgehoben sind: Die „reichornamentierten Vasen, deren Größe zur Höhe des Standortes in ein entsprechendes Verhältnis gebracht ist“ (Langenberger, 1916, S. 76 – 77) akzentuierten die Fensterpfeiler der Risalite und unterstrichen die schlossartige Anmutung des Baukörpers; sie passten auch inhaltlich in besonderer Weise auf ein der Botanik gewidmetes Gebäude. Die Vasen waren aus dem damals hoch aktuellen Kunststein, eine Form von Beton, gegossen. Die Formen dafür kamen von der Münchner Kunststeinfabrik Leonhard Moll nach Entwürfen des oben erwähnten Walter Resch. Weil sie sich teilweise zersetzten wurden die Dachvasen 1955 oder 1956 entfernt (Auskunft von B. Zierer, Staatliches Bauamt München 1, vom 11 Juli 2018). Das Zerbröckeln der Vasen wird dokumentiert durch einen Brief vom 28. März 1955 von Prof. Karl Mägdefrau (1907 – 1999) an das Landbauamt, in dem er Frostschäden am Haupteingang des Gebäudes, bröckelnde Substanz und herabfallende Stücke bis 1 kg beschreibt. Spätere Vermerke oder Hinweise zum weiteren Vorgehen wurden nicht gefunden (B. Zierer, email vom 11. Juli 2018). Ursache für das Zerbröckeln mag eine Entwässerungsrinne an der Attika sein. Solche Regenrinnen verursachen oft nachfolgende Schäden an der umliegenden Bausubstanz, denn sie setzen sich häufig im Laufe der Zeit zu und führen dann das Regenwasser nicht mehr zuverlässig ab (B. Zierer, Bauamt München, E-Mail vom 11. Juli 2018). Eine andere Erklärung ist der bis in die 1980er Jahre stark saure Regen in München, der dem Beton zugesetzt haben muss. Zudem ist der Schornstein der Gewächshausheizung, ehemals mit Koks befeuert, nur 50 m entfernt (T. Hägele, Mitteilung vom 24.09.2019). Hinweise, dass statische Probleme die Ursache des Entfernens oder fehlenden Wiederaufbaus der Dachvasen waren, lassen sich nicht finden. Eine moderne Statik-Erfassung steht aus.

Im Interesse des architektonischen Gesamteindrucks wird in Absprache mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gegenwärtig die Rekonstruktion der verlorenen Vasen geprüft. Mit ihrer Wiederaufstellung würde die Gliederung der einzelnen Bauteile, die durch die Erweiterung des Ostflügels um den „Kandler-Bau“ an Differenziertheit verloren hat, wieder stärker betont und die dem Architekten so wichtige schlossartige Mitte aufs Neue hervorgehoben. Bei einer Nachschöpfung wäre nicht Detailgenauigkeit oberstes Ziel, da die Vasen immer schon auf Fernsicht konzipiert waren und nicht als Einzelkunstwerke wahrgenommen werden sollten, sondern als Akzente eines Ganzen, eingebunden in die Gesamtform des Botanischen Instituts.
Wie wichtig das Vasenmotiv dem Architekten war, zeigt nicht zuletzt die 2,20 m hohe Vase aus Kupfer, welche die Kuppel des Botanischen Instituts bekrönt. Ihre Funktion war eigentlich eine sehr praktische: Sie nahm das Druckausgleichsgefäß für die Zentralheizung des Gebäudes auf. Ullmann hat es sich aber nicht nehmen lassen, auch hier auf der Spitze noch einmal Blumen als Kennzeichen der Flora anzuordnen und damit die Zweckbestimmung des Gebäudes auszusprechen. Diese Kupfervase fiel im Juli 1998 bei einem Sturm herunter und wurde dann aufwändig restauriert und wiederaufgesetzt (Briefe im Archiv des Gartens vom 01.07.1998 zwischen Institut, Landesunfallkasse und Universitätsbauamt).


Luftaufnahme von 1930
Der schlossartigen Erscheinung des Institutsgebäudes entspricht die Anlage des Botanischen Gartens, dessen Schmuckhof die Form eines vertieften Gartenparterres mit Laubengängen aufgreift. Die Disposition der Beete, zentralen Wasserfläche, Brunnen und Treppen im Schmuckhof erinnert deutlich an geometrische Gartenanlagen des späten 18. Jahrhunderts und passt sich in die neuklassizistische Grundstimmung der Gesamtanlage ein. Die östlichen Gartenpartien sind in Form eines Englischen Gartens angelegt und bieten Platz für die große Sammlung von Laubgehölzen, die den Münchner Botanischen Garten auszeichnet. Selbst drei der Nebengebäude, die wohl von Ullmann entworfene Vorhalle der Gewächshäuser, deren Architektur von Muschialik (2014) ausführlich beschrieben wird, sowie das achteckige Pumpenhaus am Teich und ein offener Pavillon im Systemgarten, greifen die Tradition der Staffagebauten in Englischen Gärten auf.
Eine glückliche spätere Ergänzung bilden die bunten Fayence-Figuren am Parterre, die der Bildhauer Joseph Wackerle (1880 – 1956) ab 1910 für die Porzellanmanufaktur Nymphenburg geschaffen hat (beschrieben bei Renner 2013). Sie und andere Kunstwerke werden auf Schildern im Botanischen Garten erklärt.
Gleichfalls im Garten verteilt und damit relativ unauffällig sind einige qualitätsvolle Nebengebäude, die gleichzeitig mit dem Institut geplant und wegen ihrer Zugehörigkeit zum Ensemble mit gutem Grund in der bayerischen Denkmalliste eingetragen sind (Gmkg. Nymphenburg , Fl.-Nrn. 276, 277/1, 279/2, 280/2, 280/6, 281/4): die frühere Direktorenvilla, zwei Verwalter- und Mitarbeiter-Häuser, das Betriebsgebäude mit der Gartenverwaltung und die ehemalige Wandelhalle (heute Café). In diesen Einzelbauten hat der Architekt den formalen Anspruch des königlichen Instituts bewusst reduziert und ist den damals aktuellen Prinzipien des Heimatstils gefolgt, der sich an der traditionellen Bauweise des Landes orientierte. Auch diese, unmittelbar vor dem Ausbruch des I. Weltkriegs geplanten Bauteile standen künstlerisch auf der Höhe der Zeit.
Beim Durchstreifen der Anlagen wird der Besucher schließlich auf drei Bildnisse von Personen stoßen, die mit der Geschichte des Botanischen Gartens und der Botanik in Bayern aufs Engste verbunden sind. Es sind dies die Büsten der Botaniker Franz von Paula von Schrank (1747 – 1835) und Carl Friedrich Philipp von Martius (1794 – 1868), der beiden ersten Direktoren des (Alten) Botanischen Gartens beim Karlsplatz, sowie ein an der Südseite des Hauptgebäudes angebrachtes Porträtrelief ihres Nachfolgers, des Gründers des Gartens an der Menzinger Straße, Karl von Goebel (1855 – 1932), von der Hand des Bildhauers und Medailleurs Heinrich Maria Waderé (1865 – 1950). Sie erinnern daran, dass Baudenkmäler und wissenschaftliche Einrichtungen sich nicht naturgesetzlich von selbst entfalten, sondern dass es stets weitsichtiger Personen bedarf, die sie gründen, voranbringen und auf Dauer mit Leben füllen.

Zitierte Literatur

Text: Prof. Susanne S. Renner, Ludwig-Maximilians-Universität München
Farbfotos: Francesco Rizzato, München